Beiträge zu Nahost und Iran

von Dr. sc. Angelika und Dr. Wolfgang Bator

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Iran, der Staat des politischen Islam

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Die Entstehung einer „Islamischen Republik“

Die iranische Revolution von 1979 war die erste  große Manifestation des politischen Islam. Hier formierte sich zum ersten Male der Widerstand gegen bestehende gesellschaftliche Verhältnisse auf der Basis des Islam.

Für das Schicksal dieser Revolution hatte das Auftreten und Wirken des shiitischen Großajatollah Ruhollah al-Mussavi al-Khomeini entscheidende Auswirkungen. Die Verbreitung von Khomeinis Ideen schuf die ideologische Basis für die Revolution von 1979 und im Iran ist mit der „Islamischen Republik“ ein Staat entstanden, den es bisher in der neueren Zeit noch nicht gab.
Der marxistische Historiker Eric Hobsbawm stellte fest, daß die iranische Revolution auf der Basis der Thesen von Großajatollah Khomeini einen völlig neuen, bis dahin nicht vorhandenen Revolutionstyp hervorgebracht hat. Hobsbawm schreibt:„Das Neue an dieser Revolution war ihre Ideologie. ..... alle Phänomene, die man bis dahin  als revolutionär betrachtet hatte, waren der Tradition, Ideologie und dem Vokabular der westlichen Revolution seit 1789 gefolgt oder genauer gesagt: den Traditionen ... der säkularen und im wesentlichen sozialistischen oder kommunistischen Linken. ...die iranische Revolution war die erste, die unter dem Banner des religiösen Fundamentalismus stattfand, siegte und das alte Regime durch eine ..... Theokratie ersetzte....“ 1

Großajatollah Ruhollah al-Mussavi al-Khomeini wurde 1902 in Chomein im Mitteliran  geboren. Nachdem er einige Stufen seiner theologischen Ausbildung als shiitischer Geistlicher absolviert hatte, ging er nach Arak, um sich unter einem der größten islamischen Theologen der damaligen Zeit, Ajatollah Haeri, weiterzubilden. 1922 begleitete er seinen Lehrer nach dem irakischen Qom, um ihm zu helfen, diese Stadt zu einem Zentrum der islamischen Forschung und Kultur zu machen, was sie bis zum heutigen Tage geblieben ist. 1928 heiratete Khomeini, aus der Ehe gingen drei Töchter und zwei Söhne hervor. Khomeini beendete seine theologische Ausbildung in Qom und wurde bald Lehrer auf den Gebieten der Philosophie, des Rechts und der Rechtsprechung des Islam.
Im Juni 1963, als der Schah die Opposition im Lande niederschlug, wurde Ajatollah Khomeini verhaftet, verbrachte einige Monate im Gefängnis und wurde anschließend unter Hausarrest gehalten.  Am 4. November 1964 hielt er eine berühmte Rede gegen die Ratifizierung des Gesetzes über den Status amerikanischer Bürger durch das iranische Parlament, später bekannt geworden als sogenanntes „Kapitulationsgesetz“. Mit diesem Gesetz wurde die für fünf Jahre gültige Lieferung von Rüstungsmaterial aus den USA bestätigt und dem gesamten amerikanischen Militärpersonal und den aus Pakistan umgesetzten amerikanischen Geheimdiensten die volle diplomatische Immunität zugestanden.
Einen Tag nach dieser Rede wurde Khomeini in die Türkei ausgewiesen. Es folgte ein Zwangsexil im irakischen Nadjaf. Khomeini machte sich einen Namen durch seine offene Unterstützung der palästinensischen Befreiungsbewegung und der freiheitlich gesinnten iranischen Persönlichkeiten im In-und Ausland. Er mußte die arabische Region verlassen, nachdem ihm die Regierung von Kuweit die Einreise verweigert hatte. Er ging nach Frankreich ins Exil, das im eine befristete Aufenthaltserlaubnis erteilte.
Am 1. Februar 1979 kehrte Großajatollah Khomeini nach mehr als vierzehnjährigem Exil nach dem Iran zurück. Millionen von Menschen bereiteten ihm einen begeisterten Empfang. Unter seiner Führung triumphierte am 12. Februar 1979 die „Islamische Revolution“ und damit bot sich die Möglichkeit, Khomeinis Vorstellungen über die Schaffung eines islamischen iranischen Staates zu verwirklichen.

Hinsichtlich der Auffassungen von einem islamischen Staat gab es bis dahin drei Gruppierungen innerhalb der schiitischen Geistlichen:
„1. diejenigen, die sich bis zur Rückkehr des Mahdi  (d.h. des verborgenen zwölften Imams) nur  mit geistigen Werten und Praktiken, nicht aber mit der Verwaltung des Staates beschäftigen,
2. diejenigen, die kein direktes Eingreifen in die Verwaltung befürworteten, jedoch eine verfassungsmäßige Begrenzung der Führung anstrebten.....und
3. diejenigen, die ... eine totale Kontrolle des Staates durch die Geistlichkeit unterstützten,. ......der Islam wird  (von ihnen ) als Weltanschauung, politische, rechtliche und staatliche Richtschnur betrachtet.“ 2
Die letztere Auffassung setzte sich nach der Revolution im Iran dank Khomeinis Wirken durch. Er vollzog damit einen Bruch mit bis dahin gültigen Auffassungen des schiitischen Klerus vom Staat.
Bereits im Jahre 1970 hatte Khomeini im Exil im irakischen Nadjaf vor Theologiestudenten eine Reihe von Vorlesungen gehalten, die später als Buch unter dem Titel „Der islamische Staat“ erschienen und zu einem Schlüsseldokument der „Islamischen Revolution“ wurden. 3
Das Buch „enthält Khomeinis Grundgedanken über die Weisungen des Islam - speziell seiner shiitischen Richtung - zum islamischen Staat, zur Notwendigkeit, einen solchen Staat zu schaffen, zu seinem Aufbau und  seiner Führung, seiner Zielstellung und Aufgabenstellung.“ 4
Schon von seinem Ursprung her proklamierte der Islam die Einheit von Gesellschaftlichem, Religiösen und Staatlichem.  Und Khomeini geht davon aus, dass der Verantwortungsbereich  des Islam sich nicht auf die Fixierung der gottesdienstlichen Pflichten beschränkt, sondern alle individuellen und gesellschaftlichen Angelegenheiten umfaßt.
Mit diesen Auffassungen widersprach er denjenigen shiitischen Geistlichen, die im Islam nur die Religion sahen. „Für alle Angelegenheiten“, schrieb Khomeini, „hat der Islam Gesetze und Vorschriften.......Für die gesellschaftlichen und staatlichen Angelegenheiten gibt es die, genauso wie für gottesdienstliche Handlungen.....“ 5 Alle diese Regelungen tragen nach Auffassung Khomeinis göttlichen Charakter und der Koran und die Sunna (Tradition) sind ihre Quellen. Für ihn ist der Islam der Inbegriff der absoluten Wahrheit, Gerechtigkeit, Freiheit und generell alles Guten.  

Die Ursache für die bis dahin in islamischen Ländern allgemein  verbreitete Ansicht der Trennung von  Religion und Politik, sah Khomeini in der kolonialen Vergangenheit des Iran:  „Die Frage der Trennung der Religion von der Politik und der Nichteinmischung der islamischen Olama (Theologen) in die sozialen und politischen Angelegenheiten ist von den Kolonialisten erfunden und in Umlauf gesetzt worden...... Sie wollen euer Erdöl... Sie wollen unsere Bodenschätze. Sie wollen unser Land zu einem Absatzmarkt für ihre Waren machen.“6   Nur deshalb haben sie „die juristischen und politischen Gesetze des Islam völlig außer Kraft gesetzt und europäische Gesetze eingeführt...... die die Religion daran hindern soll, die weltlichen Angelegenheiten zu übernehmen und die Gesellschaft der Muslime zu verwalten.“ 7
Davon ausgehend, dass es keine wichtige Frage des Lebens gibt, für die der Islam keine gesetzliche Regelung hat, kommt Khomeini zu dem Schluß, dass zur Durchführung der göttlichen Gesetze ein islamischer Staat geschaffen werden muß. Er sprach dem säkularen Staat jegliche Legitimität ab und hielt als einzig rechtmäßig und erstrebenswert einen Staat, der die ursprünglichen islamischen  Gebote verwirklicht und unter der Statthalterschaft von schiitischen Geistlichen steht.
Nur fünfzig Tage nach dem Abschluß der Revolution, ließ Khomeini eine Volksabstimmung durchführen über die Frage: „Bist Du für eine Islamische Republik?“    98,2 % der Bevölkerung stimmten mit „Ja!“  und am 2. und 3. Dezember 1979 wurde die neue Verfassung durch eine Volksbefragung angenommen , die „Islamische Republik Iran“ ausgerufen und damit die neue Form eines verfassungsmäßig auf dem Islam begründeten Staates geschaffen.

Fussnoten:

1. Hobsbawm, Das Zeitalter der Extreme, Hanser Verlag 1995, S. 505 (nach oben)

2. Ebert, Hans-Georg, in: „Die Islamische Republik Iran“, Berlin 1987, S.392
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3. Ajatollah Khomeini,  Der Islamische Staat, Berlin 1983
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4. Khomeini, S.7, Vorwort von Nader Hassan / Ilse Itscherenska,
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5. Khomeini, S. 18 – 19
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6. Khomeini, S. 29 ff.
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7. Khomeini, S.25 ff.
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Zuletzt aktualisiert am Sonntag, 13. Juni 2010 um 18:32 Uhr  

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