Die iranischen Revolutionsgarden. (Pasdaran)
Die Kämpfer der iranischen Pasdaran sind ideologisch auf die Thesen des schiitischen Großayatollah Ruholla al-Mussavi al-Khomeini eingeschworen und zumeist tief religiös. Die gegenwärtige politische Literatur bezeichnet die Pasdaran deshalb auch als ein „Korps der Gläubigen“, sie sind das Rückgrat der gesamten politischen Struktur des Iran.
Eine der ersten Maßnahmen des am 1. Februar 1979 aus seinem französischen Exil zurückgekehrten religiösen Führers der iranischen Revolution Großayatollah Ruhollah al-Mussavi al-Khomeini war die Bildung einer „Volksarmee“, um die Errungenschaften der Revolution zu schützen. In dieser wurden die paramilitärischen Gruppierungen und Milizen, die sich während der Revolution gebildet hatten, zusammengeführt.
Aus dieser „Volksarmee“ schuf Chomeinei mit einem Dekret vom 5. Mai 1979 die „Pasdaran“ (Pasdaran-e Enghelab-e Islami). Die arabische Bezeichnung „Haerz Al Towriyeh“, wörtlich „Armee der Wächter der Islamischen Revolution“, gibt ihren Charakter wesentlich genauer wieder als die persische Bezeichnung oder der in unserer Literatur gebrauchte Terminus „Iranische Revolutionsgarden.
In den Pasdaran formierten sich die Anhänger einer Vielzahl von bewaffneten revolutionären Gruppen, die sich aus Mitgliedern der Studentenbewegung und den radikal-fundamentalistischen Jugendlichen, den sogenannten Hezbollahi, gebildet hatten zu einer paramilitärischen Formation. Ihre Mitglieder hatten als strenggläubige Moslems das Shahregime bekämpft, waren überzeugte Anhänger Khomeinis und forderten die Schaffung eines islamischen Staates.
Mit den Pasdaran schufen sich die geistlichen Führer des Iran, die shiitischen Ayatollahs, ihr wichtigstes Instrument, um ihre islamisch-fundamentalistische Revolution zu schützen. Die iranische Verfassung überträgt die Verteidigung von Irans territorialer Integrität und seiner politischen Unabhängigkeit der Armee, die Verantwortung für den Erhalt der iranischen Revolution jedoch den Pasdaran.
Bei ihrer Gründung hatte diese Organisation eine Größe von etwa 10 000 Mann. Der Ausbruch des iranisch-irakischen Krieges 1980 hatte zur Folge, das man den zuerst nur als paramilitärische Organisation konzipierten Pasdaran militärische Aufgaben übertrug. Sie mußten damals die regulären Kampftruppen der Armee verstärken, die als Folge der Revolution nur ein Viertel ihrer früheren Kampfkraft aufbieten konnte. Die Pasdaran wurden in den entscheidenden Schlachten dieses Krieges eingesetzt und sie brachten die größten Opfer an Menschenleben. Vor allem diesen anfangs nur ungenügend ausgebildeten und unzureichend bewaffneten Freiwilligen war es zu verdanken, dass das neue islamische Regime im Iran nicht sofort unter den Schlägen der Armeen Saddam Husseins zusammenbrach, der von den USA direkt, von den europäischen Großmächten indirekt unterstützt wurde.
Im Verlaufe des fast zehn Jahre andauernden Krieges gegen den Irak wurden die Pasdaran zu militärischen Eliteeinheiten ausgebaut. Am Ende dieses Krieges betrug ihre Truppenstärke bis zu 300 000 Mann
Ihre Formationen bestehen parallel zur iranischen Armee (Artesh). Sowohl die Armee als auch die Revolutionsgarden (Pasdaran), gehören zum Ministerium für Verteidigung. Doch die Pasdaran sind dem höchsten geistlichen Würdenträger des Iran, Khameini, direkt unterstellt, sie sind ihm verantwortlich und haben ihm Bericht zu erstatten. Khameini ernennt in seiner Eigenschaft als Oberbefehlshaber auch die militärische Führung der Pasdaran, nimmt jedoch kaum Einfluß auf deren Aktivitäten. Durch einen Flugzeugabsturz am 8. Januar 2006 wurden sieben Kommandeure der Revolutionsgarde getötet, darunter der Befehlshaber der Bodenstreitkräfte und der Chef des Geheimdienstes.
Oberster Befehlshaber der Pasdaran ist seit 2007 Generalmajor Mohhamad Ali Jafari. Er war fünfzehn Jahre Kommandeur der Bodentruppen der Pasdaran und zugleich Befehlshaber eines „ Strategischen Zentrums“. Ali Jafari ist, wie er bereits in seiner ersten Pressekonferenz erklärte, der Verfechter einer unkonventionellen, asymetrischen Kriegführung. Damit gab er der Strategie und Taktik der Iranischen Revolutionsgarden eine grundsätzlich neue Orientierung.
Seit 1945 werden bewaffnete Auseinandersetzungen in nahezu allen Teilen der Welt zunehmend nicht mehr mit klassischen Streitkräften sondern von außerhalb traditioneller Institutionen stehenden bewaffneten Gliederungen geführt. Etwa 80 % der seit Ende de 2. Weltkrieges geführten militärischen Auseinandersetzungen gehören dieser Gattung an. Sie werden in der Terminologie nicht mehr als „Kriege“ sondern als „low intensity conflicts“ bezeichnet, denn sie haben nichts mehr gemein mit dem Charakter vorangehender militärischer Auseinandersetzungen, bei denen sich feindliche Armeen gegenüberstanden. Bei der von Ali Jafari geforderten neuen Strategie und Taktik spricht man von „asymetrischen Kriegführung“.
Diese bewaffneten Gliederungen sind weder auf hochspezialisierte Logistik, noch auf komplizierte Führungs- und Übermittelungssysteme angewiesen. Sie operieren zumeist mitten in der Bevölkerung, wenden eine Guerilla-Taktik an und stützen sich auf das Vertrauen und die Unterstützung der jeweiligen Bevölkerungsschicht oder -gruppe, deren Interessen sie vorrangig vertreten.
Verschiedentlich wird in der Literatur behauptet, dass der Irakisch-iranische Krieg ( 1979 – 1988) bewiesen habe, dass künftig im Falle militärischer Konflikte in zunehmenden Maße hochtechnologische Waffensysteme und Geräte zum Einsatz kommen werden. Genau das Gegenteil ist der Fall. In diesem Krieg standen sich noch klassische Streitkräfte gegenüber und deshalb war die Verwendung von Hochtechnologie-Kriegsmaterial sinnvoll. Seither jedoch kam es nirgendwo mehr zu bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen zwei Staaten und deren Streitkräften, vielmehr sehen sich Staaten seither stets nichtstaatlichen Akteuren und ihren militärischen Gliederungen gegenüber.
In den Kämpfen im Südlibanon Mitte der 90er Jahre stand Israel einer nicht traditionell organisierte Armee gegenüber. Der Hizbollah operierte inmitten der Bevölkerung von einer minimalen logistischen Infrastruktur aus. Gegen diese Art der Kriegsführung waren vernichtende Schläge von einer hochtechnologisierten Armee praktisch unmöglich. Ein Gleiches gilt für die Kämpfe in Afghanistan.
Von dieser von Ali Jafari erklärten neuen Strategie ausgehend, messen die Pasdaran ihren Marineeinheiten eine große Bedeutung zu. Diese sind vorrangig mit kleinen, wendigen, zum Teil nur mit Maschinengewehren und von der Besatzung mitgeführten Panzerfäusten bewaffneten Booten ausgerüstet, die im Kriegsfall im gesamten Gebiet des Persischen Golfes die Anwendung einer Guerilla-Taktik ermöglichen würden. Außerdem umfaßt das Schiffsarsenal rund 40 leichte Patrouillenboote und seit 2002 zehn chinesische Raketenschnellboote. Fünf bis sieben Abschußeinrichtungen für Seezielraketen sind an der iranischen Golfküste stationiert.
Während der Amtszeit von Präsident Mahmoud Ahmadinejad, der selbst ein Mitglied der Pasdaran war, übertrug man ehemaligen Pasdaran-Kämpfern wichtige Staatsfunktionen. Von den einundzwanzig Kabinettministern gehörten vierzehn den Pasdaran an. Ehemalige Mitglieder dieser militärischen Formation wurden zu Botschaftern, Bürgermeistern, Unterstaatssekretären und Provinzgouverneuren ernannt.
Die Streitkräfte der Pasdaran, denen im Hinblick auf die innere Sicherheit nur eine Rolle als Hilfskraft zugedacht ist, unterhalten eigenständige Truppenteile für das Heer, die Luftwaffe und die Marine, sowie Spezialverbände wie die Quds- Einheit. Den Pasdaran ist die alleinige Verantwortung über die iranischen strategischen Raketenwaffen anvertraut. Ihre Gesamtstärke wird gegenwärtig auf 125 000 Mann geschätzt.
Den Pasdaran untersteht auch die Miliz der „Basitschi-e Mostasafan. Diese paramilitärische Formation besteht aus fast einer Million von Freiwilligen, organisierten Zivilisten, die bei Erfordernis einberufen werden können. Sie könnten jederzeit im Falle einer inneren oder äußere Bedrohung wie auch zur Verteidigung des Landes eingesetzt werden. Im Krieg mit dem Irak waren es die Basitschi, die Zehntausende von Toten durch Selbstmordkommandos zu verzeichnen hatten. Sie wurden auch im Sommer 2009 bei den Unruhen zur Herstellung der inneren Ordnung eingesetzt. Die Basitschi haben vor allem in den landwirtschaftlichen Provinzen Anhänger, in denen die von den Pasdaran unterstützte und finanzierte Organisation zahlreiche kleinere Infrastrukturprojekte und Beschäftigungsmaßnahmen durchführt.
Wenn auch als militärisches Instrument geschaffen, so hatten die Pasdaran jedoch von Anbeginn an nicht nur die Aufgabe, das islamische Regime zu schützen und seine Ideologie durchzusetzen, sondern gleichzeitig eine soziale Rolle zu erfüllen, entsprechend den Vorschriften des islamischen Glaubens. Die Mehrheit ihrer Kämpfer kommt aus den ärmsten Schichten des Volkes, die von dem Krieg und zuvor unter dem feudalen Schahregime am schwersten zu leiden hatten. Um ihnen zu helfen, ihre Lebensumstände zu verbessern, hatten die Pasdaran die Aufgabe, ein soziales Netz aufzubauen und seine Existenz abzusichern. Gestützt auf die religiösen Organisationen, vor allem die Moscheen und diejenigen Institutionen, die das von jedem Moslem gezahlte „zakkat“ verwalteten, entstanden Schulen, Krankenhäuser und religiöse Einrichtungen zur unmittelbaren Hilfe für diese Schichten.
Bereits nach dem ersten Golfkrieg wurde eine religiöse „Stiftung der Unterdrückten und Kriegsveteranen“ (Mostazafan va Janbazan), gegründet, deren Aufgabe es war, die Zehntausende von „Märtyrerwitwen“ und -waisen, und vor allem deren Kinder zu betreuen durch Zahlung von Renten und direkte materielle Unterstützung.
Im Verlaufe der Entwicklung des islamischen Staates wurden die Pasdaran, die unmittelbar nach dem Krieg mit dem Irak für den Wiederaufbau des Landes verantwortlich gemacht wurden, auch zu einem wichtigen ökonomischen und finanziellen Faktor. Die Los Angeles Times schätzte ein, dass die Pasdaran Verbindungen zu mehr als einhundert großen Unternehmen haben und über einen Kapitalstock von mindestens 12 Milliarden $ verfügen.
Die Organisation ist wirtschaftlich auf fast allen Gebieten aktiv. Man kann davon ausgehen, dass sie gegenwärtig ein Drittel der gesamten Wirtschaft des Iran auf dem Wege über Unternehmen und Trusts kontrolliert. Sie hat Konzessionen für mehrere Großprojekte erhalten, u.a. für den Ausbau von Erdölanlagen, den Pipelinebau und auch der Teheraner Untergrundbahn. Außerdem verwaltet sie Universitätslabore, Waffenbetriebe und ein Autowerk. Der Schwerpunkt ihrer wirtschaftlichen Tätigkeit liegt jedoch vor allem in der Kontrolle der strategisch wichtigen Industriezweige, insbesondere der Rüstungsindustrie und vor allem der Entwicklung der nuklearen Technologie.
Niemandem, außer Khamenei verantwortlich, unterliegen die wirtschaftlichen Organisationen der Pasdaran keiner Steuerpflicht und sind bei der Einfuhr von Gütern von Zollgebühren befreit.
Im Oktober 2007 erklärte die US-Regierung die Iranischen Revolutionsgarde zur terroristischen Vereinigung und belegte sie mit finanziellen Sanktionen. Insbesondere machte man die etwa 15 000 Mann umfassende Spezialorganisation der Pasdaran, die „Al-Quds Brigade“ verantwortlich für zahlreiche Terroraktionen außerhalb Irans.
Um die shiitischen Milizen des Libanon im Bürgerkrieg zu unterstützen, wurden angeblich zu Beginn der achtziger Jahre etwa 2000 Kämpfer der Al-Quds Brigade im Libanon stationiert. Diese sollen unter dem Namen „Hizbollah“ Operationen gegen die damals im Süd-Libanon stationierte israelische Armee ausgeführt haben. Die libanesische Hisbollah hat angeblich bis heute ranghohe iranische Offiziere der Al-Quds Brigaden als Militärberater in ihren Reihen. Und nach Auffassung der USA ist es die Al-Quds Brigade, die bis in die Gegenwart die libanesischen Hisbollah und auch die Hamas in Gaza mit Waffen versorgt, und auch die Taliban und die shiitischen Milizen des Irak mit Munition beliefert.
Die Aufgabe der Revolutionsgarden ist es, in erster Linie die Ergebnisse der islamischen Revolution zu bewahren und die Islamische Republik Iran und deren Führung, die sie repräsentierenden shiitischen Geistlichen, zu schützen. Darüber hinaus fällt ihnen die Aufgabe zu darauf zu achten, dass der von der religiösen Führung des Landes gesetzlich verankerte islamische Verhaltens- und Moralkodex in der Gesellschaft durchgesetzt wird. Die Kämpfer der Pasdaran sind ideologisch auf die Thesen Khomeinis eingeschworen und zumeist tief religiös. Die gegenwärtige politische Literatur nennt die Pasdaran deshalb auch ein „Korps der Gläubigen“.
Nicht zu Unrecht bezeichnet man die Pasdaran als das Rückgrat der gesamten politischen Struktur des Iran. Und nicht von ungefähr wollen die USA mit den angestrebten weiteren Sanktionen vor allem die Revolutionsgarden treffen.
US-Staatssekretär Hillary Clinton erklärte im Frühjahr 2010 auf ihrer Reise in die Region des Persischen Golfes, dass der Iran dabei sei eine Militärdiktatur zu werden. Sie forderte, dass die USA neue, schärfere Sanktionen in den Vereinten Nationen durchsetzten müßten, nicht zuletzt, um die Revolutionsgarden hart zu treffen. Sie behauptete, diese würden die religiösen und politischen Führer Irans immer mehr an den Rand der Macht drängen, deshalb müßten die shiitischen Geistlichen den Pasdaran die Macht wieder entreißen, sonst könnte der Iran ein nukleares Wettrüsten im Mittleren Osten auslösen.
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